Führen und sich führen lassen - worauf es im Leben wirklich ankommt (Teil 2)
Im ersten Teil dieser Serie „Führen und sich führen lassen“ haben wir über Gewaltfreiheit als das erste Aikido Prinzip gesprochen. Gewaltfreiheit setzt ein Verständnis von Liebe voraus, einer Liebe, die sich ergibt, wenn wir uns selbst in allen Facetten kennengelernt und erfahren haben und gerade deshalb in der Lage sind, auch Andere in ihrer Energetik zu erkennen und zu verstehen. Somit ist Gewaltfreiheit im Grunde eine Folge von Wertfreiheit und dem Erkennen der universellen Liebe, so könnte man die Schlussfolgerung beschreiben.
Tatsächlich bin ich weniger emotional und weniger manipulierbar, wenn ich weiß, wer ich in Wahrheit bin, was meine eigenen Ziele und Bedürfnisse sind, und wenn ich gelernt habe, mich als einen Teil der Schöpfung zu lieben wie jeden anderen auch.
„Ich bin das Universum“, könnte eine gute Haltung sein, und ich begegne im Anderen einem anderen Universum. Im Grunde genommen geht es also um eine Begegnung von Universen nach den kosmischen Prinzipien.
Gewalt entsteht häufig dadurch, dass ich instinktiv, anstatt intuitiv reagiere. Ich werde dann eher von längst überholten Verhaltensmustern oder vom limbischen System, d.h. von spontan auftauchenden Emotionen geleitet, die ihre Ursachen meist in alten Verletzungen aus der Vergangenheit haben.
Wenn wir vergangene Erfahrungen von ihrer Ladung befreien und lernen, eine harmonischere Antwort auf die scheinbaren Angriffe von Außen zu geben, findet die Weisheit unserer Seele wieder Gehör. Eine bisher bedrohlich wirkende Situation löst dann nicht mehr automatisch die Schnell-Botschaft an unser Gehirn „Fight oder Flight“ aus, sondern lässt uns viel mehr Spielraum, angemessen zu reagieren. Aus Flucht wird dann z.B. ein einfaches zur Seite gehen, aus einem Gegenangriff ein Annehmen, Aufnehmen und umlenken,
Ausgerechnet Aikido, eine Kampfkunst, hilft uns also, neue Wege jenseits von Flucht oder gewalttätigem Kampf zu gehen. Doch dafür braucht es ein Verständnis vom effektiven Wirkungsbereich.
Aikidoprinzipen können uns lehren, wie aus einem „Kampf gegen …“ ein „Ringen um …“ werden kann. Natürlich ist Aikido nur eine von vielen Möglichkeiten um den eigenen effektiven Wirkungsbereich zu erkennen, zu erweitern, und vor allem effektiv zu nützen.
„Was ist hier sonst noch möglich?“, ist eine Frage, die sich Fortgeschrittene im Übungsraum und im Leben gerne stellen. Das Leben bietet uns immer mehr als eine Möglichkeit an. Wir sollten lernen, diese zu sehen und zu nützen.
Prinzip 2: Effektiver Wirkungsbereich
Welche Wirkung hat Dein Leben?
Im chinesischen Weisheitsbuch I Ging gibt es einen Vers (Hex. 20) mit dem Titel „Betrachtung Deines Lebens“, und das ist es, was Du tun solltest, um zu erkennen, was die Wirkung Deines Lebens ist: Betrachte einmal die verschiedenen Bereiche Deines Lebens: In welchen Umständen lebst Du, wie glücklich bist Du, wie ehrlich bist Du zu Dir selbst, wie ehrlich zu anderen, wie sind Deine Beziehungen, die Du pflegst und mit welchen Menschen bist Du am meisten zusammen?
Um im Beispiel von Aikido zu bleiben, können wir die Wirkung am einfachsten in drei Perspektiven einteilen:
- Der eigene Wirkungsbereich (siehe Abb. a)
- Der Wirkungsbereich des Übungs-Partners (siehe Abb. a)
- Der gemeinsame Wirkungsbereich (siehe Abb. b).
Betrachten wir zunächst unseren eigenen Wirkungsbereich:
Sicher hat jeder schon einmal die Erfahrung gemacht, wie unterschiedlich es sich anfühlt, aufrecht oder gebeugt zu stehen, zu lächeln oder ernst zu schauen, ordentlich oder unordentlich zu sein, sich gut und passend zu kleiden oder nicht, …. Alles, was einen Unterschied macht, hat eine Wirkung – auf uns selbst, wie auf unsere Umgebung.
Die innere Haltung und die Ernsthaftigkeit im Üben spielen im Aikido eine entscheidende Rolle. Der richtige Stand, der richtige Abstand vom Übungspartner und die Körperhaltung sagen viel darüber aus, ob ich zum Kampf bereit bin oder nicht.
Erkennen ist Macht
Trainieren wir mit Waffen, reicht ein leichtes Kippen des Schwertes nach außen, um den Übungspartner zum Angriff einzuladen. Und ein einziger Schritt aus der ursprünglichen Linie reicht aus, um den Angriff ins Leere laufen zu lassen. Wie machtvoll das Erkennen des jeweiligen Wirkungsbereiches ist, wird hier bereits deutlich.
Unseren körperlichen Wirkungsbereich können wir uns symbolhaft als eine Art Kugel vorstellen. Dabei betrachten wir die Körperachse samt Armen und Beinen wie dargestellt in Abb. a) und stellen uns mögliche Bewegungen in allen 8 Raumrichtungen vor (vorne/hinten, oben/unten, links/rechts, Drehung nach links/rechts).
Beim Annähern an den Übungspartner geht es zunächst darum, den richtigen Abstand zueinander festzulegen. Ohne Waffen ist der ideale Abstand der, bei dem sich die ausgestreckten und leicht gebeugten Arme am Handgelenk berühren (siehe Abb b).
Wir sehen in Abb b) deutlich, dass sich hier die beiden Wirkungsbereiche bereits überlappen. Durch die Berührung eröffnet sich ein gemeinsamer Raum und die Möglichkeit, gemeinsam etwas Neues zu gestalten.
So können wir je nach Situation in den Wirkungsbereich des Anderen bewusst eintreten, um ihn in seinem Zentrum zu bewegen, oder aber ausweichen, uns Seite an Seite mit ihm stellen und zunächst die Sichtweise unseres Gegenübers einnehmen. (Abb. c). Immer ist es eine Art von kurzfristiger Verschmelzung, von Durchdringen der Wirkungsbereiche, um die Achse des Gegners zu stören, mit der Absicht, ihn aus seinem Gleichgewicht zu bringen, damit er sich (im Bemühen darum, seine Mitte wiederzufinden) in eine neue Position begibt.
Der energetische Wirkungsbereich
In Wahrheit ist unser Wirkungsbereich ist viel größer als der rein körperliche. Körper, Geist und Seele bilden eine Einheit und sind im Grunde ein einziges, riesiges Energiefeld. Die Frage ist nur: Wieviel davon ist uns bewusst? So, dass wir es aktiv für die Gestaltung unseres Lebens nützen können.
Wie variantenreich diese Möglichkeiten im Grunde sind, kann durch die Abb. d) und e) bestenfalls erahnt werden.
Hier ist lediglich angedeutet, dass unser Wirkungsbereich in Wahrheit viel größer ist als der rein körperliche. Jeder Mensch ist ein geistiges Wesen und der Körper nur die größte Verdichtung seines Energiefeldes. Berührung und der gemeinsame Raum beginnen also viel eher als mit der Berührung der Körper. Darauf ausführlich einzugehen würde an dieser Stelle allerdings zu weit führen und sei deshalb hier nur erwähnt.
Ohne allzu sehr in die Feinheiten des Aikido einzutauchen, will ich an dieser Stelle noch ein paar Worte zu den nun folgenden Möglichkeiten im System des Aikido sagen:
Jeder Angriff fordert uns auf, selbst in Bewegung zu kommen:
In den Wirkungsbereich des Anderen einzutreten, um seine Mitte zu stören, von der Linie zu gehen, um sich aus der Gefahrenzone zu bringen, die Sicht des Angreifers einzunehmen, um seine Absichten zu erkennen, …. um nur einige zu nennen. Immer geht es dabei darum, die Situation unter die eigene Kontrolle zu bringen und dafür zu sorgen, dass niemand dabei ernsthaft zu Schaden kommt. Sich einfühlen in das Energiefeld des anderen, Umsicht und frei sein von Bewertungen spielen dabei eine große Rolle. Dabei geht es immer um eine Bewegung der eigenen möglichst aufrechten Achse, also eine aufrechte Bewegung im Raum, nicht so sehr im eigenen Inneren.
Doch auch das Fallen will gelernt sein, denn manchmal ist es besser, sich durchs Fallen lassen einer aussichtslosen Situation zu entziehen, als unnötig Widerstand zu leisten. Für das Level an Spaß und Freude ist es egal, ob wir Angreifer sind, oder die Rolle des Verteidigers einnehmen. Immer gibt es eine Menge zu erspüren, zu erfahren, und Freude daran zu haben.
Die innere Ruhe bewegt sich aufrecht durch den Raum
Im Idealfall bewegt sich also eine innere Ruhe in aufrechter Haltung durch den Raum, stets dabei verbunden mit Himmel und Erde.
Spätestens hier wird deutlich, warum man Aikido so viele Jahre üben kann, ohne jemals am Ende der eigenen Entwicklung anzukommen.
Nicht selten ist eine – von außen betrachtet – scheinbare innere Ruhe nur ein dicker Deckel auf dem Herzen. Manchmal verbirgt sich darunter ein brodelnder Vulkan oder die die Zartheit eines verletzen Herzes.
Aikido richtig zu verstehen und zu trainieren ist deshalb nicht nur Kampfkunst, sondern immer auch bewusstseinserweiternd und Entwicklung des Charakters inklusive.
Je nach Anfangsbedingungen, positionieren wir uns nach erfolgtem Angriff entweder Seite an Seite mit dem Angreifer, wie um ihn dort abzuholen indem wir seine Sicht einnehmen (Ura), oder wir treten direkt in seinen Wirkungsbereich ein in der Absicht, ihn in seiner Achse, quasi von innen heraus, zu bewegen (Omote) (siehe Abb. c).
Aikidokas unter den Lesern mögen mir die einfache und sehr schematische Darstellung des Geschehens verzeihen. Weder die Bilder noch die Beschreibungen können so der Vielfalt und Schönheit des Aikido in irgendeiner Weise gerecht werden.
Hier soll es einfach ums Prinzip gehen und darum, was wir von den Prinzipien des Aikido für unser Leben lernen können.
Aikido hat System und Wirkung
Aikido bietet uns ein System an Techniken und einen geschützten Raum. Ein fester Rahmen mit Etikette und einem freundschaftlichen Miteinander helfen uns, die Prinzipien des Lebens zu erforschen. Insbesondere, weil wir mit vielen verschiedenen Menschen trainieren, haben wir die Möglichkeit, den eigenen Wirkungsbereich ständig zu verfeinern.
Das Training ist anfangs mühsam, anstrengend und manchmal hart. Dennoch bringt es große Freude. Und es beschenkt uns mit einer Menge an Erkenntnissen über uns selbst und den Weg zu Freiheit und Selbststimmung durch Unterordnung unter die kosmischen Gesetze. Wie konkret diese Aussage tatsächlich ist, werden wir im nächsten Blog-Artikel erfahren, wenn es um die kreis- bzw. spiralförmigen Bewegungen der Aikido-Techniken geht.
Vielleicht war nicht alles ganz leicht nachvollziehbar. Doch wenn Du nur eines daraus lernen kannst, dann das:
Alles hat auf alles eine Wirkung.
Welche möchtest Du sein?
War dieser Artikel hilfreich für Dich? Dann interssieren Dich vielleicht auch die weiteren Beiträge zu den Aikido-Prinzipen für unser Leben.
Alle Beiträge stehen unter dem Motto:
„Führen und sich führen lassen – worauf es im Leben wirklich ankommt“.
Hier kommst Du zu den einzelnen Beiträgen:
- Prinzip: Gewaltlosigkeit
- Prinzip: Effektiver Wirkungsbereich
- Prinzip: Kreis- bzw. spiralförmige Bewegungen
- Prinzip: Verbunden sein
- Prinzip: Ki – Die Universelle Lebensenergie
Und wenn Du noch mehr über die kosmischen Gesetze und ihre Anwendung für Dein Leben entdecken willst, dann schau Dir auch folgenden Beitrag an:

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