Führen und sich führen lassen - worauf es im Leben wirklich ankommt (Teil 3)
„Gewaltfreiheit setzt ein Verständnis der universellen Liebe voraus“, so war die Erkenntnis zum 1. Aikido-Prinzip dieser Serie. „Alles hat eine Wirkung, auch Deine Gedanken und sogar Deine bloße Absicht“, so könnte man das 2. Aikido-Prinzip zum effektiven Wirkungskreis zusammenfassen.
In diesem Teil geht es nun um kreis- und spiralförmige Bewegungen, die im Aikido wie im Leben eine große Rolle spielen.
Prinzip 3: Kreis- bzw. spiralförmige Bewegungen
Eines der Ziele, die die im Aikido zugrunde liegenden Techniken haben, ist es, uns in jeder Situation Freiheit und Spontaneität zu ermöglichen. Der Schlüssel dazu sind kreisförmige bzw. spiralförmige Bewegungen. Wir finden sie vielfach in der irdischen Natur genauso wie im gesamten Kosmos.
In der Mathematik wird sie durch die Fibonacci-Sequenz beschrieben, in der Natur finden wir sie in der Form von Schneckenhäusern, in Gesteinsformationen, sogar in bestimmten Blumenkohlsorten. In der Kunst taucht sie als der goldene Schnitt auf und beschreibt ein Verhältnis von Proportionen, die wir als schön empfinden. Im gesamten Universum zeigt sie sich in der Schönheit von Galaxien.
Spiralförmige Entwicklung – eine revolutionäre Erkenntnis?
Die Vorstellung, dass Entwicklung spiralförmig verläuft, ist im Grunde eine revolutionäre Erkenntnis, wenn man das geradlinige Denken betrachtet, das noch immer in den meisten Wissenschaften vorherrscht.
Viele Jahrhunderte lang hat das männliche, geradlinig fokussierte Denken und die männliche Wissenschaft Vorrang vor dem Weiblichen gehabt, das übrigens schon immer von der spiralförmigen Entwicklung des Lebens wusste. Über viele Jahrhunderte hinweg wurde das Weibliche für unübersichtlich, dunkel und gefährlich gehalten, und deshalb aus der Sicht der männlichen Wissenschaft streng ausgeklammert, ja sogar die Frauen selbst mit bitterer Strenge davon abgehalten.
Inzwischen haben sich die Frauen den Zugang zu Wissen wieder erkämpft, selbst von den klassischen Männerberufen und männlich dominierten Studiengängen werden sie formal nicht mehr ausgeschlossen. Dennoch ist die Wissenschaft weitgehend eine rein männliche Struktur geblieben.
Geradliniges Lernen fördert Konkurrenzdenken
So entstanden Methoden, die in den unterschiedlichsten Ebenen des Bewusstseins wirksam sind, entwickelt entlang von Linien, als eine Antwort auf die Frage, wie dies oder jenes verbessert werden kann:
- Wie kann ich mit meinem Körper dies oder jenes erreichen?
- Wie kann ich diese Sprache schnell erlernen?
- Wie kann ich mit meinen Gefühlen besser umgehen?
- Wie kann ich Naturphänomene verstehen und erklären?
- Wie kann ich glücklicher werden?
- Wie kann ich diese oder jene Krankheit heilen?
- Wie kann ich unliebsame Gewohnheiten loswerden?
- Wie kann ich meine Schmerzen loswerden?
- ….
Lernen und Entwicklung wurde so in ein lineares Vorwärtsstreben gezwungen und förderte damit das Konkurrenzdenken und Streben danach besser zu werden im Sinne von besser zu werden als andere, anstatt besser im eigenen Leben zu werden.
Organisches Wachstum ist das nicht. Das zeigte sich auch im Budo.
Kreisförmige Bewegungen als gewaltfreier Weg
Morihei Ueshiba, der Begründer des Aikidos, wurde 1883 in Japan geboren und erlebte die Modernisierung Japans samt russisch japanischem Krieg und dessen Auswirkungen am eigenen Leib. Er erkannte irgendwann, dass gewaltvolle Auseinandersetzungen mit dem Ziel zu siegen nur die ewige Spirale von Gewalt und Gegengewalt anstachelte. Es musste einen Weg daraus geben, so dachte er, und er fand ihn, indem er folgendes Aikido-Prinzip entwickelte:
„Wenn Du geschoben wirst, drehe Dich und weiche aus.
Wenn Du gezogen wirst, trete mit kreisförmiger Bewegung ein.“
(Kisshumaro Ueshiba, Sohn des Begründers Morihei Ueshiba, in „Der Geist des Aikido“.)
Wahres Budo entspricht einer spirituellen Qualität
Dahinter steckt Morihei Ueshibas schlussendliche Erkenntnis, dass der Geist des wahren Budos (Budo = Ausübung der Kampfkünste) eben nicht im Konkurrenzdenken zu finden ist, sondern einer spirituellen Qualität entspricht, nämlich der Suche nach Vervollkommnung als Mensch.
Insofern wundert es vielleicht nicht, dass die Betonung der kreisförmigen Drehungen den visuellen Eindruck eines gleichmäßig fließenden choreografischen Tanzes vermitteln, elegant schwebend, obwohl das Aikido harte Techniken wie direkte Schläge oder Handgelenktechniken lehrt, die von den alten Kampfkünsten übernommen worden sind.
Zu wissen, dass ich mich im Notfall verteidigen kann, reicht meistens schon aus, um mit der Angst vor Angriffen umgehen zu können und das eigene Selbstbewusstsein so zu stärken. Und gleichzeitig lernen wir dabei, wo unsere Grenzen sind, und dass es am besten ist, wenn wir gar nicht erst in einen Kampf verwickelt werden.
Im Grunde aber geht es um etwas viel Größeres als Angriff und Verteidigung
Entscheidend sind die richtigen Fragen an das Leben
In jeder Begegnung und jeder Situation ist auch die Möglichkeit für eine allumfassende Entwicklung gegeben. Entscheidend sind dabei die richtigen Fragen an das Leben:
- Was genau ist die Situation?
- Was darin nehme ich alles wahr?
- Wem gehört was?
- Kann ich die Situation verändern?
- Wie kann ich die Situation verändern?
- Was will ich wirklich?
- Wie kann ich sicher sein?
- Was ist hier sonst noch möglich?
- Wer kann mich unterstützen?
- In was kann ich vertrauen?
Das sind nur ein paar von möglichen Fragen, die wir uns in schwierigen oder scheinbar ausweglosen Situationen stellen können.
Für Aikido-Übende lauten diese Fragen eher so:
- Was mache ich mit meinen Armen?
- Was mache ich mit meinen Beinen?
- Wie bewege ich mich als ganzes Energiefeld durch den Raum?
Was anfangs wie eine geistige Verknotung im Gehirn erscheint, löst sich durch Übung in immer fließendere Bewegungen der Körper auf.
Leben ist ist Liebe. Und Liebe fließt. Sie hält an nichts fest. Das bedeutet auch, Wandel geschieht immer und nichts bleibt, wie es ist. Und doch haben wir Menschen immer wieder das Bedürfnis, unser Leben kontrollierbar zu machen.
Auch wenn das Leben nicht wirklich kontrollierbar ist, so geht es doch darum, in jeder Situation für größtmögliche Sicherheit und Kontrolle zu sorgen und unser Leben nach unseren eigenen Bedürfnissen und Wünschen zumindest mitzugestalten.
Und dazu braucht es mehr als lineares Lernen. Wachstum und Entwicklung geschieht auf so vielen Ebenen unseres Seins, dass wir uns aufmachen durfen, auch Impulse aus anderen Dimensionen zu empfangen.
Wachsen und Reifen
Wachsen und Reifen sind dabei zwei Begriffe, die für eine Entwicklung im Aikido wie im menschlichen Leben eine wichtige Rolle spielen. Natürliches Wachstum, das Aufsammeln von Eindrücken und Erlebnissen, ausgesprochene oder unausgesprochene Fragen, die sich daraus ergeben, führen uns in einen intuitiven Lern- und Reifeprozess.
Während Wachsen und Lernen ein irgendwie aufstrebender Vorgang ist, vollzieht sich das Reifen eher in einer Ebene, manchmal sogar während einer tiefen seelischen Krise. D.h. nach anfänglichen Lernerfolgen folgt oft eine Phase der Stagnation, in der kein weiterer Fortschritt sichtbar ist. Nach außen hin scheint es sogar so, als ob wir wieder einen Rückschritt machen würden. In Wahrheit ist es aber ein Integrationsprozess. Alles Gelernte ordnet sich neu zu einem neuen Gesamtbild. Das kann verwirrend sein und fordert unser Gehirn so, dass in dieser Zeit kein vernünftiger Output sichtbar wird.
Diese Zeit erfordert Geduld, Durchhaltevermögen und das tiefe Vertrauen, dass doch am Ende alles gut wird. Jeder, der einmal versucht hat, Aikido oder Tango tanzen zu lernen, weiß, wovon ich rede.
Stagnation als Reifeprozess
Diese Phase der Stagnation oder des scheinbaren Rückschritts ist die Zeit, in der sich alles bisher Erlernte zu einem neuen Bild der Wirklichkeit zusammenfügt.
Dann erst, wenn das bisher Gelernte verankert und integriert ist, wird wieder Energie frei, die wir nützen können, um uns neuen Horizonten zuzuwenden.
Und manchmal, ganz plötzlich ergibt sich dann noch einmal ein Blick auf eine früher erlebte Situation und wir sehen sie nun ganz anders, in einem neuen Licht. Eine solche Entwicklung ist durch die Bilder a) bis c) künstlerisch symbolisch angedeutet.
Das sind die Momente, in denen es plötzlich „klick“macht, irgendwann, ganz plötzlich, wenn wir schon gar nicht mehr damit gerechnet haben. Erst dann zeigt unser Reifeprozess auch im Außen wieder Ergebnisse. Weil wir jetzt wissen, was zu tun ist, die Situationen neu betrachten können. Jetzt können wir erneut Erfolge feiern und das Lernen kann weitergehen.
Dass das Verstehen manchmal so plötzlich kommt, hängt vermutlich mit der spiralförmigen Entwicklung von Leben zusammen. Bestimmt kennst Du das auch: Wir durchlaufen im Leben immer wieder dieselben Schleifen an Erfahrung und Verhalten, bis irgendetwas in uns „Klick“ macht, ein altes Programm sich aufzulösen beginnt und Platz schafft für etwas Neues.
Albert Einstein formulierte diese Prozess so:
„Der Unterschied zwischen Verstehen und Nichtverstehen ist dabei ein plötzlicher,
der sich sehr schwer definieren lässt.“
Albert Einstein
Aikido ist verschmelzen und sich wieder lösen
Im Aikido verschmelzen Angreifer und Verteidiger für eine gemeinsame Bewegung um ein gemeinsames Zentrum, um sich danach wieder zu lösen.
Zwei Wirkungsbereiche verschmelzen zu einem neuen, indem neue Erkenntnisse möglich sind, entweder durch Fallen, durch Ringen oder durch Lenkung der Kraft in andere Bahnen.
Nicht immer sind uns die Erkenntnisse sofort bewusst. Und doch geschieht Entwicklung immer. Vielleicht schauen wir irgendwann zurück und stellen erfreut fest, dass wir inzwischen viel mehr in der Lage sind, unsere Energie effizient ins Leben zu investieren. Und ist es nicht das, was wir im Leben lernen sollen? So zu leben, dass uns das Leben auch Energie zurückgibt, anstatt immer mehr raubt?
Jeder Mensch ist wie ein eigenes Universum
Man sagt, Morihei Ueshiba, der Erfinder des Aikido, hat die Ausführung der Bewegungen von den Planetenbahnen abgeschaut. So konnte er eine Kampfkunst entwickeln, die die Menschen wieder auf den Pfad der Harmonie und des Friedens anstatt in die Spirale von Gewalt und Gegengewalt führt.
Ob das wirklich wahr ist, kann ich nicht beurteilen. Wir alle lernen aus unterschiedlichen Zusammenhängen – so jedenfalls ist meine Erfahrung. Ueshiba lernte offensichtlich aus kriegerischen Auseinandersetzungen genauso wie aus der Beobachtung und Fürsorge für die Natur sowie aus den kosmischen Bewegungen an sich. Seine Erkenntnis war ganz offensichtlich die: Dem Fluss des Lebens zu folgen, bedeutet, den universellen Gesetzen zu folgen.
Und ist nicht jeder Mensch symbolisch gleichzusetzen mit einem ganz eigenen Universum?
Be yourself – Sei einfach Du selbst
„Be yourself“ sagte ein von mir sehr geschätzter Aikido-Lehrer einmal zu mir. Allmählich begreife ich, was er damit meinte. Sei Du selbst, sei Dein eigenes Selbst, ist eine Aufforderung zum Werden, und zwar so, wie das Universum mich ursprünglich gemeint hat und nicht, wie andere glauben, dass ich sein sollte.
Wenn es im Aikido darum geht, Körper, Geist und Seele wieder in die Einheit zu bringen, so hört sich das zwar gut an, ist aber wirklich nicht einfach zu verstehen. Zu oft sind diese Begriffe von Menschen benutzt worden, die sie selbst nur aus Büchern aufgeschnappt haben. Mir selbst ging das früher nicht anders.
Aikido ist nicht der Kampf im Außen
Der Harmonische Weg (AiKiDo) ist nicht ein Kampf mit äußeren Ereignissen. Eher geht es um eine innere Entwicklung. Und genau das macht den Weg des Aikido so wertvoll.
Durch das Training mit vielen verschiedenen Übungspartnern sind wir herausgefordert, jede Situation neu zu betrachten, wach zu sein, dran zu bleiben, nichts persönlich zu nehmen und uns doch ganz genau mit der eigenen Persönlichkeit auseinanderzusetzen. Es ist nicht nur ein äußerer Kampf. Vielmehr ist es ein innerer Kampf, dem sich die Übenden da stellen.
Wie bei einem Kreisel geht es dabei darum, die eigene innere Achse zu finden und zu stabilisieren. So finden wir unseren Weg aufrecht um die eigene Achse gleitend durch den Raum aller Möglichkeiten.
Das Fallen und wieder Aufstehen gehört dabei ganz harmonisch mit dazu. Diejenigen, mit denen Du im Austausch sein möchtest, ziehst Du so immer wieder in Dein Zentrum, und diejenigen, die auf Ablehnung aus sind und nicht bereit oder in der Lage sind für einen fruchtbaren Austausch, werden so wieder hinausbefördert.
Aikido ist wie eine Heldenreise
So betrachtet ist AiKiDo, der harmonische Weg, wie eine Heldenreise. Denn alles, was sich in Deinem Geiste tummelt wird immer wieder einer Überprüfung unterzogen. Wie im echten Leben auch.
Es geht im Leben nämlich nicht nur darum, in den einzelnen Disziplinen gut zu sein. es geht auch nicht darum, einfach nur ein angenehmer Mensch zu sein. Es geht in Wahrheit um viel mehr: Es geht darum, das eigene volle Potential zur Entfaltung zu bringen. „Be Yourself“ bedeutet alles zu leben, was durch mich zum Ausdruck kommen möchte. Aggression kann dazu genauso gehören, wie ein leibe volles Miteinander. Ja nach Situation. Aus „Ich bin aggressiv „oder „Ich bin liebevoll“ wird in voller Entfaltung ein ICH BIN.
„ICH BIN“ ist also ein Akt des Werdens. Es ist eine Heldenreise.
Wahres Aikido ist deshalb eine Art Heldenreise durch das eigene Innere, durch den Dschungel der vielen Wege hin zu dem einen Weg, der wirklich Dein eigener ist im Einklang mit dem Universum. Und das ist nichts Geringes als Dein Seelenweg, indem Du eins zu wirst mit dem Universum und zwar auf Deine ganz einzigartige Weise.
Ups, harter Tobak, was?
Ich denke, allein die Größe dieses Gedankens ist Grund genug, uns und anderen immer wieder die Fehler zu verzeihen, die uns auf dieser Reise unterlaufen. Umwege sind zum Lernen da. Und verzeihen heißt nicht ignorieren. Es geht ums Erkennen, und darum, eine neue Entscheidung daraus zu treffen.
So, wie das Fallen im Aikido wahre Freude und Grund zu einem bewussten Neustart ist, so sollten wir auch im Leben Niederlagen und Heausforderungen begreifen: Als Ansporn, zu lernen, noch einmal einen Neustart zu wagen, es besser zu machen, weiter zu sehen, Neues zu integrieren.
Aikido lernst Du nicht aus Büchern. Du musst es auf der Matte erfahren. Und genauso kannst Du das Leben nicht rein theoretisch begreifen. Leben und lerne, ist hier die Aufforderung.
Oder um es noch einmal mit den Worten Ueshibas zu beschreiben:
„Aiki lässt sich nicht erschöpfen
im Niedergeschriebenen oder im Gesprochenen.
Ohne leeres Geschwätz zu betreiben,
versteht durch Üben!“
Aus: „Der Geist des Aikido“, von Kisshumaro Ueshiba, dem Sohn des Begründers des Aikido.
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„Führen und sich führen lassen – worauf es im Leben wirklich ankommt“.
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- Prinzip: Effektiver Wirkungsbereich
- Prinzip: Kreis- bzw. spiralförmige Bewegungen
- Prinzip: Verbunden sein
- Prinzip: Ki – Die Universelle Lebensenergie
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